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Rolys Silberscheiben des Monats September
Publiziert am: 07.09.00 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 08september cover ghost

Ghost: My Soul Looks Like This(breakin’ bread)

Das Südlondoner Kollektiv Breakin’ Bread hat sich seit Jahren dem Funk und HipHop verschrieben. Weiteres Steckenpferd dieses Labels ist die Wiederveröffentlichung von raren Funkscheiben auf 7”-Maxi-Singles. In Sachen UK-HipHop darf der Produzent und MC Ghost, der 2006 mit „Seldom Seen Often Heard“ sein exzellentes Debüt-Album releast hat, nicht unerwähnt bleiben. Nun nimmt dich der Brite mit auf einen 16 Tracks andauernden Trip quer durch die Musikgeschichte. Sind das Intro und Small World’s gemütliches „Next Exit“ noch zum Eingrooven, kommen im nächsten Augenblick auch schon gute Jungs wie DJ Krush und Luke Vibert um die Ecke und bringen die Beats und Samples, die ich hören will – music called jazz. Auch Unkle’s „Sassafras“ im Plaid Mix ist ganz grosses Kino, und nach den Rap-Attacken von Chief Excel ft. Lateef & Gift Of Gab ist mit Bonobo’s „If You Stayed Over (Ghost Remix)” für grandios melancholisches Songwriting gesorgt. Und ob ich’s nicht geahnt hätte: Ghost selbst schlägt „From The Beginning” mit einem Klavier (gepaart mit Saxophon) zurück – fühl’ mich geborgen. Durch die Meisterwerke von DJ Shadow, Nobody, DJ Cam, Attica Blues, Photek, Jimmy Edgar, Lingua Franca und dem finalen „Ying Yang“ von Ghost bin ich schliesslich befriedigt. Dort, wo der Funk sich breit macht, funktioniert HipHop auch ohne aggressive Strassenattitude. „It’s got that boom bap feel, it’s deep and layered, it’s bringing a new edge to the scene and it’s just dope.”

www.myspace.com/musicbyghost
www.myspace.com/breakinbreadlondon
www.breakinbread.org



Nightmares On Wax: Thought So...
(warp records)


Nach den Genre-prägenden Longplayern „A Word Of Science“ (1990), „Smokers Delight“ (1995), „Car Boot Soul“ (1998), „Mind Elevation“ (2002) und „In A Space Outta Sound“ (2006) liefert der umtriebige Beatmeister mit dem Trademark-Goldzahnlächeln nun ein ofenfrisches Kapitel, das zu wesentlichen Teilen auf einer ganz speziellen Reise entstand – dem wohlüberlegten Umzug samt Famile von Leeds nach Ibiza. Anstatt sein Studio-Equipment per Container einzuschiffen, mietete er mehrere Wohnmobile. Eins davon wurde zum Aufnahme-Studio umgebaut, in den anderen richtete sich E.a.s.e. zusammen mit den Musikern und Vokalisten seiner Live-Formation ein. Zusammen ging es aus dem kühlen, verregneten Britannien durch die beeindruckenden Pyrenäen auf die südspanische Fähre Richtung Balearen. Unterwegs ließ man sich inspirieren, machte Halt, wo immer es schön war, und so entstand die Basis für „Thought So…”. George Evelyn lässt sich auch nach zwei Dekaden noch immer täglich aufs Neue inspirieren. Seine tiefe Liebe zu „erwachsenen“ Genres wie Soul, Funk, Hip Hop, Reggae und Jazz vereint sich mit den so typischen N.O.W.-Beats und sorgsam reduzierter Elektronik zu etwas, das man getrost als „zeitlos“ bezeichnen kann. Und wenn ich Tracks wie „Be There”, „Bringin it”, „Calling“ und „Pretty Dark“ höre, bin ich glücklich, dass bei Nightmares On Wax „positives Denken“ und „Lebensfreude“ noch immer eine ganz entscheidende Rolle spielt. Souverän.

www.myspace.com/nightmaresonwaxofficial
www.nightmaresonwax.com
www.warprecords.com



Pivot: O Soundtrack My Heart
(warp records)


Wer die vertrackten Rhythmen ihrer Labelmates Autechre, die Zuckersynthies von Vangelis und Jean-Michel Jarre sowie den New Wave der Talking Heads zu schätzen weiss, ist bei dem ersten Signing aus Australien für Warp Records genau richtig. Mit Schlagzeug, Gitarren und Keyboards erschaffen Pivot einen wuchtigen, komplexen und ständig vorwärtstreibenden Strom aus improvisationslastigem Rock, der fast ohne Gesang auskommt. Richard Pike, Laurence Pike und Dave Miller prägen mit repetitiven Melodien, funky Bassläufen, melodischen Keyboardflächen und einem Wahnsinns-Schlagzeuger auch ihre furiosen Live Sets und lassen so eine kompromisslose Mischung aus zackigen Postpunk-Gitarrenlicks, Noise und Electronica entstehen. Und die Rhythmen konterkarieren die Harmonieseligkeit der vordergründigen Melodie geschickt, wie es sich für Warp Tracks gehört. Das von Tortoise-Mitglied John McEntire abgemischte Album „O Soundtrack My Heart“ weist einen omnipräsenten Sinn für Melodramatik auf und ist in Sachen Bewusstseinserweiterung das vielleicht berauschendste Instrumental-Album des Jahres. Eine rare Kombination aus Emotion & Verstand, deren rohe Energie sich sowohl bei intensiven Studioaufnahmen wie bei explosiven Liveauftritten ihre Bahn bricht. Warp liessen es sich nicht nehmen, diese spannende Band an der Schnittstelle zwischen Prog-Rock & Elektronik für 16(!) Alben zu signen – bei diesen traumhaften Songperlen kein Wunder!

www.myspace.com/pivotpivot
www.pivotpivot.net
www.warprecords.com



Arabian Prince: Innovative Life
(The Anthology 84-89)
(stones throw)


Wow, also das hier macht mich echt glücklich – soviel schon mal zum Ausflippcharakter dieser grandiosen Anthologie! Der Rapper und Produzent Arabian Prince, mit bürgerlichem Namen Mik Lezan, gilt neben Egyptian Lover und der World Class Wreckin’ Cru als Pionier der Electro- und Electro-Rap-Szene an der West Coast, bekommt aber oft nicht die angemessene Anerkennung seines Engagements zugesprochen. Mitte der 80er Jahre arbeitete er stetig an einer Menge Produktionen etlicher Plattenlabels, und es folgten zahlreiche Singles und Alben. Trotz seines sonderbaren Abzugs von N.W.A. (er war ein Gründungsmitglied), beteiligte sich Arabian Prince weiterhin an Produktionen der Crew, zumindest auf „N.W.A. and the Posse“ und „Straight Outta Compton“. Auf vorliegendem Werk wurden 12 ausnahmslos (!) heisse Tracks zusammengestellt, die zwischen 1984 und 1989 von ihm produziert wurden. Die Deluxe Edition beinhaltet ein 20-seitiges Booklet mit einer Dokumentation über den Aufstieg und den Fall der Electro- und Electro-Rap-Szene LA’s, plus jede Menge bisher noch unveröffentlichter Fotos und ein Poster. Ich raste aus bei „Strange Life“, „It Ain’t Tough“, „Take You Home Girl“, „Let’s Hit the Beach“, „Innovative Life“, „Innovator“, „Situation Hot“, „Panic Zone“ (N.W.A.), „Professor X (Saga)“, „Freak City“, „Simple Planet“, „Beatdabeat“ und kann nur hoffen, dass sich das jeder reinzieht, bevor er das nächste Mal das Wort „Electro“ nur in den Mund nimmt !!!

myspace.com/arabianprince
www.stonesthrow.com
www.grooveattack.com



Sisters: Gender Riots
(echo beach)


2001 gründeten afrodeutsche Musiker den Verein Brothers Keepers, der sich, musikalisch recht erfolgreich, gegen Rassismus und Fremdenhass in Deutschland wandte. Teil des Vereins waren die Sisters Keepers, die sich inzwischen als Sisters neu zusammengeschlossen haben. Mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung absolvierten sie mehrere Schultouren unter dem Titel „Afrodeutsch“, engagieren sich zu Themen wie Gender, Rassismus, Bildungs- und Umweltpolitik und führen Hip-Hop-Workshops durch. Auf ihrer Debüt-CD profitieren Onejiru, Mamadee, Meli, Nicole Hadfield, Tamika, Noah Sow und Namusoke von ihren langjährigen Erfahrungen als Solokünstlerinnen und Background-Sängerinnen von Acts wie Gentleman und Jan Delay und liefern eine Mischung aus afrikanischer Perkussion mit amerikanischem Funkrhythmus, welcher den Songs eine elektronische Grundlage verleiht. Gleich der Titeltrack der Frauen mit Würde kommt als Bounce Crooner, während „Sista, Sista“ endlich mal wieder ansprechender Reggae ist. Der Hit „Unite“ feiert Frauenpower, „Everytime“ erinnert mich an Ursula Rucker und „All diese Frauen“ überzeugt als Soul-Ballade, die den anonymen Opfern des Patriarchats – sogenannten Nutten, Junkies und Alleinerziehenden – ihre Namen zurückgibt. Das Klischee von Frauen, die sich gegenseitig behindern: ausgelacht und widerlegt. Disco und R&B im En Vogue-Style und Hip Hop im Geiste der Heidelberger Old School – aufgeweckt und auf den Punkt!

www.myspace.com/sisterskeepers
www.echobeach.de



Monika Kruse:
Changes of Perception
(terminal m)


Es gab einmal Techno und damit verbunden die Vision einer neuen, hierarchiefreien Gemeinschaft, doch in der Welt da draussen war irgendwann wieder Ernüchterung an der Tagesordnung und die Nacht mehr oder weniger zum Schlafen da. Zur Agenda 2010 und dem Hartz-IV-Drohszenario will Pop-Hedonismus nun mal nicht passen. Aber ein ganz kleiner, froh stimmender Nachhall dieser optimistischen Aufbruchsstimmung, ist auf dem neuen Album der Grand Dame des Techno noch bzw. wieder zu spüren. Die zweifache Labelchefin und couragierte Aktivistin gegen Fremdenfeindlichkeit vollzieht mit ihrem ersten Solo-Album „Changes Of Perception“ und ihrem neuen musikalischen Weggefährten Gregor Tresher einen musikalischen Richtungswechsel: Von Deep House über an Detroit geschulten Tanz-Krachern bis zu weich federnden Grooves werden hier noch einmal geradezu wehmütig all jene Spielarten aufgefächert, die in der elektronischen Musik der Neunziger tonangebend waren. Nach der Begrüssung „Alo“ singt sie auf „Don’t come close” selbst, bevor sich der dichte Titeltrack subtil und langsam aber stetig zu seinem wohl geplanten Höhepunkt hinbewegt. Neben dem melancholischen „Fragile” ist vor allem „Spank me later” sehr intensiv und mit seinen Acid-Basslines genauso kompromisslos, wie die unmissverständliche Wortwahl, die wohl keiner weiteren Erklärung bedarf. Ein ungefiltert hymnisches Konzeptalbum, das mit einer sehr eindrucksvollen Intensität aus 10 ineinander gemixten Einzeltracks den neuen musikalischen Ansatz von Monika Kruse widerspiegelt.

www.myspace.com/monikakrusemusic
www.monikakruse.de
www.terminalm.com

Roland Grieshammer