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Rolys Silberscheiben des Monats November 2011
Publiziert am: 02.11.11 - Medienformen: Medienform Text

Plaid: Scintilli


Plaid: Scintilli
warp records

Mit den Alben „Not For Threes“ (1997), „Rest Proof Clockwork“ (1999) und „Double Figure“ (2001) hatten Andy Turner und Ed Handley einen ganz entscheidenden Einfluss auf die elektronische Musikszene weltweit. Nun melden sich Plaid mit ihrem ersten Studioalbum nach acht Jahren eindrucksvoll zurück und präsentieren uns ihr neuestes Werk „Scintilli”.
Sieht man von etlichen Soundtrackbeiträgen vor allem für den japanischen Markt ab, handelt es sich dabei um einen direkten Nachfolger zum 2003 erschienenen Album „Spokes“. Das aus The Black Dog hervorgegangene Duo, das in einem Atemzug mit der goldenen Warp-Generation um LFO, Aphex Twin, Squarepusher und Autechre genannt werden muss, lieferte uns bereits mit dem Video zu „35 Summers“ einen brillanten Vorgeschmack auf das langerwartete Album. Besonders Tracks wie der liebliche Opener „Missing“, das verspielte „Thank“, das treibende „Unbank“, das goldig klingende „Craft Nine“, das geheimnisvolle „Sömnl“, das dynamische „Upgrade“ und das epische „At Last“ machen mich wieder einmal sehr glücklich. Ihr Hang zu echten Melodien und klassischen Songstrukturen macht die beiden Briten zu etwas ganz Besonderem in der klassischen Warp-Garde. - Frisch auf dem britischen Qualitätslabel erscheinen gerade auch Rusties superfeines Debut-Album „Glass Swords“, die DRC Music Compilation „Kinshasa One Two“ sowie die Re-Releases von „RetroActivity“ (Sweet Exorcist) und LFO’s ebenso legendärem „Frequencies“, welches quasi das „Rave Movement“ begründete. Warp ist und bleibt eines meiner absoluten Lieblingslabels und liefert vor allem im Herbst für mich den perfekten Soundtrack.

www.scintilli.com
www.warp.net




Supershirt: Kunstwerk
audiolith

Nachdem Faxe System und Tim Rakete im Herbst 2009 mit „8000 Mark“ in ihrer Teitmaschine durchstarteten, ist Supershirt inzwischen zu einem Trio herangewachsen, in dem die Beats und der Gesang nun mit den Gitarrenklängen von Timo Katze bereichert werden. Frisch bei der Hamburger Kunstagentur Audiolith liefern die drei Realesoteriker aus dem Ostsee mit dem goldenen „Kunstwerk“ die Kunst selbst, die Kunstkritik und die Kritik der Kritik. „Es fängt immer an, als wenn es ein Witz wär’ ...“ wird im Opener „Und dann ganz lange nichts mehr“ sogleich die Stossrichtung erklärt. Die „Bretter“ kommen mit Mitklatsch-Beat und Pop-Piano, „90 Seconds Of Fame“ ist eine glänzende Ode an alle Ampelkasper von Berlin – ja, und dann folgt wohl mein Lieblingstune: „Besser scheitern“ (hands in the air und glücklich heulen). Weitere Hits sind „Verlass die Stadt“, „Aber am schlimmsten“ und „Koppel dich ab“. Die erste Singleauskopplung „Die langweiligsten Orte der Welt“ gibt’s ironischerweise am Ende.
Teils bollernde, teils verspielte Beats, überzuckerte Hooks und dicke 80er Impulse voller Melancholie laden sowohl zum Tanzen als auch zum Nachdenken ein. Die Texte sind getrieben von den schönsten und menschlichsten Charaktereigenschaften – Durst, Müdigkeit und Sarkasmus – und gipfeln in mitskandierbaren Refrains. Da staunt der Medienprofi Bauzäune, wenn Supershirt die Lachsperre und das Geschwindigkeitsdefizit in der Denkmurmel aufheben. Mit elf Hörbildern entkommen Supershirt dem Dunstkreis der hedonistischen Party-Raver - schliesslich gibt es einiges zu erzählen. Mit dem Audiolith-Gütesiegel eine goldene Sache.

www.teitmaschine.de
www.audiolith.net




M83: Hurry Up, We’re Dreaming
naïve

Seit zehn Jahren prägen M83 einen Sound zwischen Rave, Ambient und Pop, der bei aller epischen Überladenheit immer auch etwas tief Melancholisches in sich trägt. Inspiriert von Krautrock, 80s Pop, Shoegazing und Filmmusik startete das Elektro-Projekt 2001 als Duo im französischen Antibes, nach dem Ausstieg von Nicolas Fromageau ist M83 heute vor allem Anthony Gonzalez, der live von drei Musikern zur überzeugenden Live-Band ergänzt wird – zuletzt im Vorprogramm von Depeche Mode und Kings of Leon. Der fünfte Longplayer „Hurry Up, We’re Dreaming“ ist zugleich sein erstes Doppelalbum: In 22 Songs vermischt er wieder experimentelle Rockelemente mit Electronica und moderner Popmusik. Es sind emotionale Geschichten, verpackt mit Kindheitserinnerungen, Nostalgie und Teenagererfahrungen. Nach einer Vocoderstimme im „Intro“ bricht es sofort aus Gonzalez hervor, bevor die Dark-Drama-Queen Zola Jesus übernimmt und anschliessend die hypnotisch glitzernde Single „Midnight City“ mit grossen Gesten erklingt. Weitere Highlights folgen mit „Reunion“, „Wait“, der Traumerfahrung „Raconte-Moi Une Histoire“, „Soon My Friend“, „New Map“, „OK Pal“, „Splendor“ und „Steve McQueen“. Zwischendurch gibt es sieben sehr stimmungsvolle Interludes. Ansonsten aber kommen hier aufpeitschende, emotionsgeladene Refrains für die grosse Stadion-Bühne mit poetisch-ruhigen Strophen zusammen, die Gonzalez mit Eighties-Kühle intoniert.
Am 28. November spielen M83 ihr bislang einziges Deutschlandkonzert im Berliner Gretchen Club. Traumhaft schillerndes Synthie-Pop-Gewitter mit Slap-Bass und Sin-Drums im opulenten Orchestral-Sound.

www.myspace.com/m83
www.ilovem83.com




DJ Cam: Seven
inflamable

Inspiriert ist Laurent Daumail noch immer von Jazz und HipHop, was ihn im Jahre 1995 zu einem der Pioniere der TripHop-Szene werden liess. Ich erinnere mich auch gerne an seinen 1997 kompilierten Mix für die DJ Kicks Serie oder seine Single „Summer in Paris“ 2002 mit Anggun, die sich über eine Millionen Mal verkaufte und ein wichtiger Tune des Pariser „Dolce Vita“ bleibt. 2004 veröffentlichte der sympathische Franzose sein sechstes und letztes Solo-Studioalbum, nun ist DJ Cam zurück mit seinem neuen Kopfkino-Soundtrack „Seven“. Und bereits mit dem einführenden „California Dreamin“ wird deutlich, was uns hier erwartet: eine angenehm warme Mischung aus Downbeat, Pop und Folk, mit Anleihen an Oldschool-Elektronika und Ambient. Sänger Chris James, der Kopf von Stateless, erinnert auf der entspannten Klavier-Ballade „Swim“ an Radiohead, einem der grössten Einflüsse des Albums, und zeigt seine Fähigkeiten am Mikro auch bei den ebenfalls zu gefallen wissenden Tracks „Ghost“ und „Uncomfortable“. Mit Nicolette (bekannt durch ihre Top-Features bei Massive Attack, Plaid, Alec Empire und 4Hero) und Inlove, deren Album „Stories“ DJ Cam produziert hat, geben sich auch zwei starke Sängerinnen die Ehre.
Der packende melancholische Grundton lässt die Gedanken in die Ferne schweifen, und alle Tunes begeistern mit einer sehr bildhaften Atmosphäre, so auch das epische „Dreamcatcher“, das schwebende „Fontainebleau” und das HipHop-verliebte „A Loop“. Seit dem hochgelobten „Substances“ aus dem Jahr 1996 ist dies wohl DJ Cams persönlichstes Album. Es ist Ausdruck dieses Gefühls, sich durch sinnliche Eindrücke treiben zu lassen.

www.inflamable.com




Gotan Project: La Revancha En Cumbia
ya basta records

Richtig Tango tanzen kann laut eigener Aussage keiner beim Gotan Project. Doch dafür wissen der Franzose Philippe Cohen Solal, der Argentinier Eduardo Makaroff und der Schweizer Christoph H. Müller, wie modern der „Blues von Buenos Aires“ im Mix mit elektronischer Musik klingen kann. Ihre Debüt-CD „La Revancha Del Tango“ wurde im Jahre 2001 veröffentlicht, zehn Jahre später entdecke ich dieses Trio zum ersten Mal, höre mit „La Revancha En Cumbia“ ein Remix-Album dieses Klassikers rauf und runter und freue mich schon auf ihr „Best Of“ Album, was in diesen Tagen auch noch erscheinen soll. Dass der Tango eine universelle Musik ist, die sehr starke Emotionen vermittelt, habe ich bereits vor über 20 Jahren in einem klassischen Tanzkurs erfahren dürfen. Wie der traditionelle Spirit in unglaublich mitreissenden Electrotango transferiert wird, erlebe ich erst jetzt. Das Ganze ist eine Art „auditiver Restaurationsprozess“, eine Form von musikalischem Retro-Futurismus, der weitaus tiefer geht als nur an oberflächlichen Klischees zu kratzen.
Während auf „La Revancha En Cumbia“ die Remixes (ausschliesslich von Künstlern des Nuevo Cumbia, dem aktuellen Sound Argentiniens) gewaltig grooven, beeindruckt auf der DVD „Tango 3.0 Live“ ihr Auftritt im legendären Casino de Paris mit über 20 fesselnden Stücken, sinnlicher Atmosphäre und zauberhaften Visuals von Prisca Lobjoy. Nichts für Puristen, aber sicherlich für Tango-Liebhaber, die sich darüber freuen, dass das Gotan (übrigens ein Anagramm von Tango) Project diese verlockenden Bandoneon-Klänge neuen Hörerschichten nahebringt. Mich haben sie dafür hinzugewonnen. Olé.

www.gotanproject.com
www.yabasta-records.com

Roly